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Freitag, 13. Januar 2012

Ostinato der Verachtung Brandt-Schröder-Wulff


Schlaue Sozialforscher haben herausgefunden, dass die Beobachter eines Fußballspiels – auch wenn sie zu beiden Mannschaften kein besonders inniges Verhältnis haben - dennoch irgendwann Partei ergreifen für eine Seite, sonst macht das Gucken keinen Spaß.

Vielleicht hat mich dieses Phänomen dazu bewogen, mehr zu Wulffs Seite zu neigen, vielleicht ist es, weil ich BILD nicht mag. Natürlich weiß auch ich, dass die Dinge nie so einfach stehen.
Wäre Politik nur reine Macht- und Interessenpolitik, dann würden sich viel weniger Leute dafür interessieren. Politik ist „Welttheater“   sie hat dramatische Momente ebenso wie sie die Posse und den Boulevard bedient.
Ich frage mich selbst schon geraume Zeit, warum ich – gegen viele vernünftige Einsichten – eher auf der Seite derer bin, die den Wulff zumindest nicht so streng beurteilen wie z.B. zu Guttenberg. Warum ich zur Guttenberg-Schuhdemonstration gegangen bin, bei Wulff aber zurückzucke.

Erinnerte
Heimatlosigkeit
Zurück zu Wulff. In einem anderen Blog habe ich scherzhaft gemeint, er sähe meinem Bruder ähnlich und das stimmt sogar. Vor allem aber erinnert mich der Umgang mit ihm an eigene Herkunftserfahrungen, an ein Gefühl der Heimatlosigkeit, die nicht mit dem „Osten“ zusammenhängt, sondern mit meiner Familiengeschichte, meiner ersten „West“erfahrung noch als Kind und der Beobachtung der guten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Reflexen .

Der Umgang mit Leuten, die nicht in das bürgerlich-saturierte Schema passen scheint nicht mehr so intolerant wie in den 50er Jahren. Damals war meine katholische Mutter, allein mit zwei Kindern, eine im Westen völlig indiskutable Person und entschloss sich – u. a. auch aus diesen Gründen - lieber nicht zu dem einzigen Verwandten nach Unna in Westfalen zu ziehen, sondern in Leipzig zu bleiben. Der Westen erinnerte sie ständig an ihre Abspaltung von der einst bürgerlichen Familie.

Willy Brandt
alias „Karl Frahm“
Die Kampagne mit dem Unterton „Willy Brandt alias Karl Frahm“ hat mich einige Jahre später weiteres über die Bundesrepublik gelehrt.
Willy Brandt kannte seinen Vater nicht und das hat ihm Diskriminierung und gern genutzte Möglichkeiten zur Verletzung eingetragen.

Willy Brandt setzte sich durch wie später ein gewisser Gerhard Schröder. Auch er vaterlos, aus anderen Gründen, auch dessen familiären Verhältnisse weder wohl- noch gutbürgerlich. Und es war sofort jemand bereit, dies zum Thema einer allgemeinen Charaktereinschätzung zu  machen.

Wolfgang Büsche schrieb damals in der Welt: „Es gab Väter, die ihre Söhne nicht kannten, und Söhne, die ihre Väter vergaßen.
Hierin verkörpert Schröder Deutschland, auch hierin. Der Mann ist medial hoch begabt, medial im alten Sinne. Ein Medium aber muss leer sein. Durchlässig. Mehr Projektionsfläche als Projektor. Der klassische Projektor ist der Vater. Wo er abwesend ist, ist eine Art von Freiheit: Unruhe, Suchen. Da ist nicht die Macht der Prägung, und da ist keine Rebellion. Gegen wen soll denn ein Muttersohn rebellieren - gegen die arme, tapfere Frau, die ihn durchbringt, so gut sie kann?“

Vaterlosigkeit
als Makel
Ein Text, der die Vaterlosigkeit eines Menschen zum Makel macht zum Hintergrund der Charakterschwäche, der Leere und des Unkreativen, förderte in mir eine ganz irrationale temporäre Parteinahme für Schröder, dessen Verhalten und politische Entscheidungen mir deshalb nicht weniger suspekt und erschreckend waren. Aber den Hang zur Protzerei, den er immer wieder zeigt, leitete ich nicht aus der Vaterlosigkeit ab. Eigentlich war die ganze SPD – in die Nähe von Macht gelangt – dafür anfällig, schien mir.

Die CDU hat auch ihre Aufsteiger – und wenn diese zu sehr abweichen, dann beginnt das konservative Bürgertum erneut mit der reflexhaften Abwehr. Wenn er dann selbst noch politisch unklug agiert oder sich Verfehlungen zu Schulden kommen lässt, wird die schon immer schwelende Verachtung mit Freude neu entfacht.

Auch Wulff hat keinen Vater. Eine frühe Scheidung und ein Stiefvater, der die Familie ebenfalls sehr früh wieder verließ, waren der Grund. Keine heile Familie, kein solides und beständiges Bürgerschema und das dann auch noch bei einem Katholiken. Wulff machte das anlässlich des Papstbesuches zum Thema:

„Kirche und Staat sind bei uns in Deutschland zu Recht getrennt. Aber: Kirche ist keine Parallelgesellschaft. Sie lebt mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit.
Deswegen ist sie auch selbst immer wieder von neuen Fragen herausgefordert: Wie barmherzig geht sie mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern? Welchen Platz haben Laien neben Priestern, Frauen neben Männern? Was tut die Kirche, um ihre eigene Spaltung in katholisch, evangelisch und orthodox zu überwinden?“
Er hatte damals vielen kritischen Katholiken aus dem Herzen gesprochen, aber das Echo blieb verhalten und abweisend.

kleinbürgerlicher
Parvenü
Wulffs Politik in Hannover – konservativ, mit starken sozialen Kürzungen – entsprach dem CDU-Muster. Da blieb vieles an Klüngelei im Dunkeln.
Als Bundespräsident, der unklug, schlecht beraten mit Vorwürfen umgeht, wird sein Lebensstil zum Thema.
Während Jakob Augstein in einem Beitrag rügte, dass er so sehr bürgerlicher Durchschnitt ist und wir den Bundespräsidenten hätten, den wir auch verdienten, sieht Welt-Autor Ulf Poschardt ihn ihm den Parvenü.
Scheinbar verständnisvoll thematisiert er die Schwach- und Bruchstellen Wullfs, erwähnt seine schwierige Kindheit und Jugend aber behauptet, in Deutschland bestimme die Herkunft den gesellschaftlichen Erfolg nicht. Hingegen fordert er - gerade vom Amt des Bundespräsidenten - ein Kategorie, die er existenzielle Exzellenz nennt. Und der von ihm bemäkelte kleinbürgerliche Wulffsche Lebensstil hat diese Exzellenz wohl nicht.

Sozialneid ist ein
Problem der Reichen
Könnte es sein, dass Sozialneid nicht der Neid der kleinen Leute auf „die Reichen" ist? Fragte ich mich an dieser Stelle spontan. Ist Sozialneid nicht viel mehr der Neid der Reichen auf andere Reiche? Der macht die Welt so spitz und scharf. Kleine Leute wollen höheren Lohn und bezahlbare Mieten und sie begucken sich die Welt der Reichen mit Interesse, aber nicht mit ewigem Neid. Das tun Leute wie Poschardt vielleicht und sie kompensieren diesen Neid mit Beiträgen wie den in der Welt. Ich denke, ich habe Recht, denn der Begriff Sozialneid wurde in diesen Gefilden kreiert.

Konservative
Lehmschicht
Zurück zur obigen These, zu den Aspekten, die Menschen zur Parteinahme bringen ob beim Fußball oder in anderen Lebensbereichen: Ich habe eine „Schlagseite“ zur Wulff, eine nicht ganz logische, aber trotzdem schlüssige.
Und vielleicht ist – auch hier – Wulff nur der „Aufhänger“.

Diese Bundesrepublik wird von einer Lehmschicht dieser konservativen, Bürger mit „Sinn für Höheres“ erstickt, die nichts ändern wollen. Sie hat sich auch viel weniger geändert als ich dachte oder hoffte, Einige Seitenaspekte der Wulff-Debatte zeigen Kontinuitäten mit langen Wurzeln. Es war –aus diesen Gründen – ein bisschen leichter in der DDR ohne Wurzeln zu leben, die wie Günther Gaus schrieb „ein Land er kleinen Leute“ war. Vielleicht bin ich daher im Umgang mit der Vergangenheit auch nicht so hasserfüllt wie eine verachtungsvolle Bürgerwelt, die sich angesichts der Serien-Einfamilien-Häuschen von Wandlitz in ihrem ästhetischen Sinn zutiefst verletzt fühlt. Und diese Verletzung dann ins Politische über das „Leben der Anderen“ transponierte.


Freitag, 23. Dezember 2011

Frohe Weihnachten für Amateure aller Art



Dieses Kinderklavier habe ich mir  in einem Trödelladen gekauft. Man kann allerlei damit anstellen. Auch "Stille Nacht" spielen, aber es macht ganz schön Krach das Teil.

Montag, 12. Dezember 2011

Sei feige, dann alterst Du nicht

Heute morgen bin ich aufgewacht und es schmerzten mich:
1. ein Lendenmuskel, von dessen Vorhandensein ich bislang keine Ahnung hatte

2. Der große Zeh auf der gleichen Seite wie der schmerzende Lendenmuskel.

3. Eine Stelle am rechten Arm, weswegen ich diesen Arm nicht unbefangen verwenden konnte. Z. Beispiel hätte ich damit keinen Hitlergruß zustande gebracht.

4. Der kleine Finger der linken Hand
Ich war nicht sehr irritiert, denn seit ich älter geworden bin, tut mir immer mal was weh. Es darf nur nicht gar zu ungewohnt und zu wenig erklärbar sein.

Keine Sorge, das wird nichts Nett-Aufmunterndes, wie man es von Jane Fonda hört oder in Zeitschriften liest. Aber auch nichts Heiter-Besinnliches, im Lebenshilfemodus. Leichtfassliche Floskeln werde ich mir verkneifen oder mich zumindest bemühen. „Altern ist nichts für Feiglinge“ – das ist so ein Slogan, den dieser oder jener Schauspieler oder diese oder jene Schauspielerin gesagt haben sollen. Mir kommt der Satz nicht logisch vor. Umgekehrt ist er ein falsches Versprechen: Sei feige, dann alterst Du nicht.

Die Bücherborde biegen sich schon und zwar nicht unter der Last ihres Alters, sondern einschlägiger Werke. Der erste Band dieser Art, den ich sah, verbreitete tückisch-billige Freude: „Endlich 30“. Als mir das ins Auge fiel, war ich aber schon drüber. Allerdings war ich auch schon über Ermutigungs- und Durchhaltewerke im Stile von „Keine Angst vor vierzig“ längst hinaus. Für eine kleine Zwischeneuphorie „Hurra die Mitte des Lebens“ war ich allerdings aufgeschlossen. Dann kam die „Endlichkeits-Serie“: „Endlich 60“. „Endlich“ war für mich durchaus passend, denn ein gewisses Irrlichtern in der neuen Arbeitswelt war damit für mich beendet.
Und jetzt warte ich auf den ultimativen Band, der mit dem Titel“ Endlich tot“ die Freude selbstbestimmten Ablebens thematisiert.

Nicht mehr
„gesehen“ werden

Das Altern beginnt für jeden Menschen, für jede Frau und jeden Mann in anderer Weise. Eine gute Freundin – eine schöne Frau - sagte mir zum Thema: Mich macht am meisten traurig, dass ich nicht mehr „gesehen“ werde. Sie meinte die Blicke der Männer, die ihr nicht mehr folgen. Ich finde sie noch immer sehr schön. Aber sie kennt es von früher halt anders und das war ein Pfund mit dem sie gern wucherte.

Dass mir das nicht so viel ausmacht, hat mit meiner Erscheinung zu tun. Ich war nie sehr schön. Ich fand mich in der Kategorie „Sieht nett aus“ ganz gut untergebracht. Deshalb fällt mir dieser Teil des Älter Werdens nicht so schwer. Eher bin ich froh, dass manche Konkurrenz mir nicht mehr so zu schaffen macht. Aber ich kenne zwei jüngere Frauen, bei denen ich genau sagen könnte, welche unter dem Älter werden sehr leiden wird und welche die guten Eigenschaften aufbringt, die man für dieses Lebensgeschäft des Alterns braucht.

Zu diesem Lebensgeschäft gehört eine gewisse Gelassenheit und Weisheit, von der man wenigstens vorspiegeln kann, man besäße sie. Als ich erlebte, dass ich mit meiner Altersangabe im Internet einigen Kontrahenten Argumente geliefert habe, war ich verblüfft, aber dann sah ich ein, es gibt solche Leute, die mit Begriffen wie „senil“ oder „arme alte Frau“ einen Punkt in der Debatte machen wollen. Es verstärkte die Erkenntnis: Wenn man älter wird, wird man auch fremder in der Welt. Sie wird feindseliger, manchmal im Gewand der Fürsorge und Betreuung. Aber, wenn man selbst bissiger wird, dann war man schon immer bissig. Ich spüre, dass ich zu einer Gruppe von Menschen gehöre, die für die Jüngeren einfach nicht von Bedeutung ist. Und wenn sie wahrgenommen wird, dann sollte sie die Jüngeren eher erheitern als an Endlichkeiten erinnern. Sie sollen „altersmilde“ sein, wie mich kürzlich jemand mahnte.

Alte Herren dürfen
zornig sein
Bei alten Herren hat das Altern wieder andere Gesichter, aber tröstende Aspekte. Wenn sie auch finanziell potent sind – können sie die Flucht zur Jugend antreten ohne dass die Gesellschaft das allzu sehr missbilligt, bei älteren Frauen ist das sicher möglich, aber weckt mehr Befremden, getarnt als Toleranz. Ältere Männer dürfen auch mal wieder richtig zornig sein. In den Siebziger-Achtziger Jahren des vorigen Jh. gab es ein Gruppe um den ehemaligen Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, den Theologen Helmut Gollwitzer und noch viele, viele andere, die sich um Friedens- und Abrüstungsfragen sorgten und – hin und wieder – das sagten, was sich andere in Westdeutschland befremdlich fanden. Die nannten sich

Oder sie übernehmen den Part des Weisen wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt diesen Part, aber was er sich traut, das trauen sich auch andere. Er versieht nur Erscheinungen, die jeder ähnlich beurteilt sieht mit einer gewissen Altersweihe.

Wie auch immer. . „Zornige alte Frauen“ gibt’s bei Monty Pythons

Es gibt – neben der öden Ratgeberliteratur – sehr gute Sachen, die sich mit dem Altern beschäftigen Einige davon werde ich hier nach und nach vorstellen:

1. Silvia Bovenschen „Älter werden“

Es ist 2006 erschienen  Ein hochgelobtes Buch. Ein kluges Buch, ein ordentliches Buch. Eigentlich ist der Titel eine kleine Fehlleitung. Das Altern kommt schon vor in Silvia Bovenschens stilistisch feinem Werk.
Es gibt schöne Apercus: „Ich überlege, ob die Abwägung zwischen dem Altersgemäßen und de Zeitgemäßen nicht die wahre Artistik des Alterns ist. Das ist ein Können, das wir vorübergehend noch können können“ kann man lange drüber grübeln.

Für eine - wesentlich jüngere - Freundin habe ich auch eine schöne Anmerkung und Beobachtung gefunden: „Wenn eine gute Fee käme und du dir ein beliebiges Alter aussuchen könntest, welches würdest du wählen“, frage ich meine Freundin F.G. (achtundachtzig). „Anfang vierzig“ sagt sie ohne zu zögern. Ja, das wäre auch mein Wahlalter. Ich starte eine kleine Umfrage unter denen, die älter als fünfzig sind. Alle, wirklich alle, Männer wie Frauen, nennen diese Altersstufe. Auch die Begründungen sind identisch. Man habe die gröbsten Verklemmungen und Verwicklungen hinter sich, und noch eine geräumige Zukunft vor sich (wenn alles gut gehe). Betrifft diese beste aller Altersmöglichkeiten nicht genau das Alter, in dem die quälende Midlife-crisis angesiedelt wird? Uns ist selbst unter dem Einsatz einer guten Fee nicht zu helfen.“


Und dann noch so ein schöner Satz über die 68er zu denen Silvia Bovenschen eine distanzierte Beziehung hat: „Was mich ärgert: Daß sie in ihrem Renegatentum vergessen, dass nicht alles dumm oder falsch war, dass nicht alle sich damals in allem irrten, nein falsch gedacht, sie vergessen es gar nicht, sie müssen es zum Verschwinden/Vergessen bringen und das Ganze denunzieren, um ihren individuellen Irrtum zu verwässern – es allgemein in einer pauschalen Irrtumsbezichtigung vergessen machen. Verallgemeinerter Selbsthass.
Ach, würden sie sich doch weniger lieben. Ach würden sie sich doch weniger hassen.“

Und viel später: „Zu den von Wilhelm Reich inspirierten, vermeidbaren Irrtümern der siebziger Jahre zählte die Annahme, dass ein Spießer, den man sexuell enthemmt, etwas anderes sein könnte, als ein sexuell enthemmter Spießer.“

Auch ihre Anmerkungen zum Feminismus. „Den Feminismus bin ich mir schuldig“ finde ich sehr einleuchtend. Es ist ein Plädoyer für einen gelassenen Feminismus, der nicht andauernd mault, und vor allem – wie es jetzt zum Teil geschieht – nicht wieder mit allem von vorne beginnt.